Steve Jobs ist tot. Die Welt, vor allem seine Fans, trauern um ihn wie um einen Popstar. Die Presse bezeichnet ihn als Visionär. Visionäre verändern das Bild einer Gesellschaft, wenn sie erfolgreich sind. Zweifelsohne hat die ungeheure Popularität der Apple Produkte unseren Alltag verändert, zumindest den seiner Kunden. Aber waren es gesamtgesellschaftlich gesehen wirklich nur die Apple Produkte? Das Internet, das Handy, der Computer an sich haben unseren Alltag verändert. Steve Jobs hat diese bahnbrechenden Erfindungen lediglich in puncto Benutzerfreundlichkeit und Design perfektioniert, entwickelt haben sie andere. Der Computer hätte ohne Apple unseren Alltag wahrscheinlich lediglich weniger chic und benutzerfreundlich durchdrungen.
Und welche Visionen hatte Steve Jobs außerhalb des Marktes? Mit Steve Jobs verliert die Welt einen großartigen Geschäftsmann, keine Frage. Steve Jobs hatte einen untrüglichen Instinkt dafür, wie Computer, Handy und Multimediageräte gestaltet sein müssen, damit sie im Alltag auch für den Computerlaien praktikabel, funktional und Spaß bringend sind. Er wusste schon vor dem Kunden, was dieser will, oder welche Bedürfnisse er bei ihm wecken konnte. Bei einer langweiligen Bahnfahrt oder schon in der Bahnhofshalle dachte ich oft, wie nett wäre es jetzt, einige CDs aus meiner Plattensammlung bei mir zu haben. Dann kam der iPod, diese Stereoanlage für die Hosentasche mit genügend Speicherplatz für die gesamte, private Plattensammlung. Gewohnt daheim Informationen schnell aus dem Internet zu beziehen, dachte man auch weg von zu Hause oft, wie toll wäre es, wenn man diese Informationen jetzt abrufen könnte. Und wie ein Heilsbringer winkte Jobs mit dem iPhone. Vielleicht hat er einfach die Produkte geschaffen, die er als Kunde auf dem Markt vermisste. Vielleicht war er deshalb näher beim Kunden, als beispielsweise Bill Gates, der nur seine persönlichen Marktvorteile nutzte und auf den User erst regierte, wenn dieser unzufrieden war. Auch belästigte er den Kunden nicht mit ungewollten aber flächendeckenden Weltverbesserungsgeschenken wie Google mit ihren Google Books oder Google Maps. Steve Jobs blieb überschaubar, weil er einfach nur ein guter Verkäufer war. Mehr wollte man ja nicht von ihm.
Ihn als Visionär zu preisen, zeigt wie unpolitisch, wie ausschließlich auf Produktgestaltung und optimierte Kundenzufriedenheit dieses einst große Wort heute gebraucht wird. Politische oder gesellschaftliche Visionen kamen aus dem Hause Apple nicht. Im Gegenteil. Was den Produktionsweg betrifft, war und ist Apple ein Konzern wie alle anderen auch. So beschäftigt er zum Beispiel Billigarbeiter aus China unter - aus europäischer Sicht - unwürdigen Bedingungen zu kargen Löhnen. Was macht dann aber den Hype um den Visionär Steve Jobs aus, was dieses oft beschworene “Lebensgefühl”?
Aus Sicht des Konsumenten kann ich das sogar nachvollziehen. Das Internet mit dem darin enthaltenen Wissen der Welt und die private Plattensammlung in der Hosentasche mit sich herumzutragen, gibt einem ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit, egal ob man es mit einem iPhone oder einem Konkurrenzprodukt mit sich herumträgt. Ein Bekannter bezeichnete einmal sein iPhone als “gefühlte Fernbedienung für die Welt”. Ich fand diese Beschreibung witzig und nicht unpassend. Ein anderer präsentierte mir einmal voller Stolz seinen “privaten Apple Park”. Vor ihm auf dem Tisch das schicke iBook, mit einem Kabel über eine Dockingstation damit verbunden ein iPod, links daneben das iPad und die gesamte Zeit in seiner rechten Hand das iPhone. Seine Augen glänzten. Alles hochwertige, tolle Produkte - keine Frage - die auch mich begeistern und die sich gegenseitig perfekt ergänzen. Kauft man das eine Produkt, will man schnell auch das andere. Ich frage mich allerdings, ist man dann auch wirklich frei? Die Bindung an die Apple Produkte, das Ausschließen der Konkurrenzprodukte, war stets ein erfolgreiches Marktkonzept dieses Konzerns, ähnlich wie bei Microsoft. Dafür griff man gerne auch etwas tiefer in die Tasche - trotz billiger Arbeitskräfte in China - und liebte diesen Konzern für seine manchmal auch überteuerten Produkte.
Auch datenschutzrechtliche Bedenken hat man nur allzugerne übersehen. Selbst das Goolge-Phone - jetzt heißt es Android Handy - kann man nutzen, ohne dass Google auch nur einen Bit von einem speichert. Man muss lediglich wissen, welche vorinstallierten Apps man nicht benutzt. Will man aber ein iPhone gebrauchen, muss man sich bei Apple registrieren und deren Datenschutzrichtlinien - die nicht alle unproblematisch sind - akzeptieren, sonst kann man das Gerät gleich wieder einpacken. Wer will sich da von so ein paar Datenschutzbedenken die Begeisterung über das neu erworbene Produkt verderben lassen?
Nun wird er überall als Visionär gepriesen. Gesellschaftliche oder politische Visionen hatte er allerdings keine zu bieten, hat ja auch keiner von ihm erwartet. Er war eher ein typisches Produkt unserer markt- und konsumorientierten Welt. Diese bunte Welt der Massenmedien und Computer wurde durch ihn einfacher, bunter und spaßiger. Das ist aber vielleicht auch schon alles, was uns nach seinem Tod fehlen wird. Viele wurden allerdings iPod, iPad, iBook und iPhone zu mehr als reinen Gebrauchsgegenständen. Sie sind für deren Besitzer treue Freunde, die sie überallhin begleiten und auf die sie stets bauen können. Deshalb kommt Jobs Tod vielen dem Tod eines Freundes gleich. Die Welt wird ein wenig langweiliger werden ohne seine Produkte… - Verzeihung - Visionen. That’s all.