Ich habe schon länger nicht mehr gebloggt. Na ja, der Herbst ist auch eine Zeit, in der fast jeden Morgen das Weihnachtsmärchen gespielt wird, die meisten Leute ins Theater gehen und dementsprechend mein überlebenswichtiger Nebenberuf "Inspizient" mich voll in den Klauen hält. Zudem kommt, das ich langsam Blut geleckt habe, was das Betreiben von Webseiten betrifft, und da gerade an einem größeren kulturellen Internetprojekt wie verbissen arbeite. Dazu aber mehr später, wenn's fertig ist.
Am Sonntag habe ich dabei wieder "nebenbei" eine Premiere "rausgedrückt" und dabei wieder mal festgestellt, was für ein merkwürdiger Beruf Inspizient eigentlich ist. Am Anfang dachte ich: eine nette kleine Komödie, nicht viel Licht, hohe Konzentration bei den klingelnden Telefonen und präzise Lichtzeichen bei den berühmten auf- und zuschlagenden Türen, mehr wird es nicht. Routine, kurzer Abend, leicht verdientes Geld. Aber ein fürs Stück wichtiger, leider auch in der Realität widerspenstiger Rolladen, eine gefakter Rohrbruch unter der Dusche und unzählige Soundatmos, die nicht einfach durchlaufen, sondern permanent je nach Situation leiser und lauter werden, haben mir dann doch nicht wenige ineinander verschachteltete Zeichengebungen beschert. Doch das Gemeinste ist: Kein Mensch wird es sehen. Keiner kann mitbekommen, was da am Inspizientenpult eigentlich passiert. Denn nach vorne sieht man nur ein Bühnenbild, wunderbare Schauspieler und das atmosphärische Feintuning schwingt allenfalls nebenbei mit. Der Inspizent, der das ganze sortieren muss: das vermeintlich wichtigste Nebenbei, die überflüssigste Hauptfunktion.
Es gibt kaum einen Beruf, der so viele geradezu paradoxe Gegensätze in sich vereint, wie dieser merkwürdige Beruf, den kaum einer kennt, den kaum einer wahrnimmt, auf den aber ab einer gewissen Größenordnung kein Haus mehr verzichten will. Bei Stücken wie der Nervensäge denken alle: "Minimaler technischer Aufwand" und dabei muss ich jeden Abend höllisch aufpassen, dass ich bei den kompliziert ineinader verschachtelten Zeichen nicht durcheinander komme. Und dann gibt es wiederum Stücke mit riesigen Umbauten, in denen alles was an Bühnenpodien, Bühnenwägen, Zügen im Schnürrboden sich permanent in alle Himmelsrichtungen bewegt, und ich habe aber dabei so klar strukturierte Zeichen, das man nur den Text mitlesen und ab und an "Ab" sagen muss.
Es gibt kaum einen Beruf, der gleichzeitig so leicht und so schwer ist. Das Berufsgeheimnis ist enttäuschend einfach: Ein Buch gut führen, mitlesen, und da wo im Buch "Go" steht das entsprechende Zeichen geben. Komplizierte Probenabläufe, permanente Änderungen, technische Unkenntnis bei künstlerisch hochbegabten Regisseuren, neurotische Ausbrüchen von Seiten der Regie und diverser Hauptdarsteller machen diesen Job aber zu einem Nervenjob, bei dem man im größten Chaos kühl bleiben soll, und dass, obwohl man gerade bei ersten Durchläufen selbst noch der Blinde ist, der die Blinden führen soll.
Zudem gibt es kaum einen Beruf, der so sehr mit der "Tücke des Objekts" konfrontiert ist, wie der Inspizient. Ein kaputt gegangenes Lichtzeichen, ein in der Kantine überhörter Druchruf, eine Klitzekleinigkeit kann manchmal riesige Folgen haben. Und versuche einmal einem brüllenden Regisseur zu erklären welcher Maschinenzug nun genau in der entscheidenden Sekunde warum in Störung gegangen ist, wenn dieser zwar in unangemessener Lautstärke gefragt hat, es aber eigentlich gar nicht wissen will, weil seine Nerven blank liegen und sein primäres Interesse letztenendes darin besteht, dass die Probe weitergeht. Zudem würde den Meisten das technische Know-How fehlen, um in einer solchen Situation in zwei Sätzen verstehen zu können was nun eigentlich passiert ist. Da ist es dann einfacher in der Kantine hinterher zu sagen: "Ich versteh das gar nicht. Da muss doch nur eine Girlande runterkommen. Das kann doch nicht so schwer sein."
Die gebrochene Realität, der trügeriche Schein der Wahrheit, die Illusion und das Reale, nirgends werden all diese theatralischen Phänomene so irdisch manifest, wie beim Inspizienten, dieser Sollbruchstelle zwischen künstlerischem Ideal und schnöder, materieller Realität.