Urheberschutz im Internet: Wo gibt es einfach falsche Vorstellungen?

So richtig es ist, dass das Urheberschutzrecht im digitalen Zeitalter veraltet ist, so sehr wird bei der Diskussion meist die Sichtweise der Künstler vergessen, und ich rede jetzt nicht von den berühmten Millionären, sondern von den kleinen Einstiegskünstlern, egal ob es sich dabei um Musiker, Autoren oder sonstige Kreative handelt. Auch kreative Berufe wie Designer oder Fotografen zähle ich dazu.
Um eine produktive Diskussion über ein sinnbringendes Urheberschutzrecht anzufachen, sollte man vielleicht das Wort Urheberschutzrecht mal durch das Wort Künstlerentlohnungsgesetz ersetzen. Ich weiß nicht, wie viele sich vorstellen, wie die Mehrzahl der Künstler und Kreativen lebt. Was wir in den Massenmedien mitbekommen ist ja nur ein Bruchteil der Freischaffenden. Eine ersatzlose Abschaffung des Urheberschutzrecht würde vielen unbekannteren Künstlern und Neueinsteigern ohne Übertreibung schlichtweg die Existenzgrundlage entziehen. Es würde ja auch niemand im Ernst auf die Idee kommen dem Bäcker nichts für dessen Brötchen zu zahlen, nur weil jeder Mensch ein empfundenes Recht auf Nahrung hat. Und obwohl dieses Recht auf Nahrung existentieller wäre als ein nirgends festgeschriebenes sondern nur empfundenes Recht auf kostenlose Kultur, hat dies interessanterweise noch niemand vorgeschlagen.
Dass das Urheberschutzrecht zum Teil und gerade in der IT-Branche absurde Blüten treibt ist klar, aber man muss dies in der Diskussion sauber von der Entlohnung der kleineren und (vielleicht ja nur noch) unbekannteren Künstlern trennen.
Meinetwegen muss ein Künstler nicht Millionär werden. Wer diesen Job auch für wenig Geld tut, bei dem hat man vielleicht sogar eher das gute Gefühl, dass dieser seine Arbeit ehrlich und authentisch nur um der Kunst Willen verrichtet, aber gerade jene sollten doch mindestens in Würde Leben dürfen, wenn sie schon unser Leben bereichern.
Was ich mir bei dieser Diskussion einfach öfters Wünschen würde, wäre nichts als ein leichtes Ändern des Blickwinkels, damit dieser gerade die jungen Einstiegskünstler, die noch niemand kennt und die fast nichts verdienen, mit einbezieht, und das nicht nur über vermeintliche Rechte der Konsumenten nachdenkt, sondern wirklich neue Wege der Finanzierung unser aller Kultur sucht.

Bewerbung als Bundespräsident

Sehr geehrte Frau Merkel,

ich hörte, sie suchen einen Bewerber für das Amt des Bundespräsidenten. Er soll am besten
- überparteilich,
- skandalfrei
- und moralisch repräsentativ sein.

Nun, ich denke, ich kann alles drei verbinden.
- Ich habe zu nichts eine fundierte Meinung, weil ich das alles nicht mehr blicke,
- mich kennt keine Sau, weil ich immer die falschen Freunde hatte,
- und ich ging schon als altkluges Kind meiner Umwelt auf die Nerven, weil ich zu jedem Allgemeinplatz den passenden, pastoralen Ton gefunden habe.

Ich denke, ich bin genau das, was schwarz-gelb als Bundespräsident sucht und ich denke, mit meinen Eigenschaften kann sich die Mehrheit der Bundesdeutschen identifizieren. Bei Interesse können Sie meine Bewerbungsunterlagen gerne an die Bundesversammlung weiterleiten.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr redlicher Mitbürger.

Theaterschulden

Gestern, bei der Personalvollversammlung unseres Theaters, erklärte uns ein Vertreter vom Bezirksverband ziemlich detailliert und schonungslos ehrlich, was unser Theaterbetrieb kostet, wie sich die Finanzierung zusammensetzt, wieviel wir genau genommen besitzen (nämlich nichts, nur Pump) und wie wir deshalb gezwungen sind überall zu sparen. Leider war seine Ausführung ziemlich einleuchtend. Die allgemeinen, idealistischen Floskeln, dass Kultur existenziell wichtig ist für eine gesunde und freie Gesellschaft, das Hohelied vom Bildungsauftrag und vieles ähnliche, was mir bei Diskussionen zu diesem Thema immer wieder schnell über die Lippen gekommen ist, klang plötzlich sehr schal und theoretisch. An der Richtigkeit all dieser Thesen gibt es sicher nichts zu rütteln, leider aber ebensowenig an jener, dass dies alles auch ehrlich finanziert werden muss. Idealismus trifft Wirklichkeit. Auf der einen Seite blicken wir zu Griechenland hinüber (oder hinab?), weil diese über ihren Verhältnissen gelebt haben, auf der anderen Seite gehen auch wir mit einer fast schon irrationalen Selbstverständlichkeit davon aus, dass Geld für Kultur und Theater einfach da sein muss, so als müsse man nur mit den Fingern schnippen und es würde uns aus einer spendablen Parallelwelt einfach zufliegen. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit. Bauen auch unsere Berufe darauf auf, dass unser System über seine Verhältnisse lebt?
Manchmal beginnt man schon wirklich zu fantasieren: Warum haben wir eigentlich solche Angst vor dem virtuellen Geld? Der Wert eines Geldscheines ist ohnehin nur virtuell. Erheben wir die Blase zum Prinzip. Schaffen wir das Bargeld ab. Wenn der Staat investieren muss, sei es in Bildung, Kultur, Infrastruktur, Wissenschaft, Gesundheitswesen, was auch immer, überweist er einfach virtuelles Geld auf die Konten derer, die die Aufträge erhalten. Es braucht keine Steuern mehr erheben, weil er das Geld, dass die Allgemeinheit benötigt, einfach virtuell schafft. Außerdem entfallen die Kosten für den Gelddruck. Und am Ende des Jahres muss er keine Steuern mehr einziehen. Stattdessen wird den Bürgern und der Wirtschaft prozentual an der Menge ihres Kapitals gemessen einfach ein Inflationsausgleich vom Konto gelöscht – ja, nicht eingezogen, sondern einfach gelöscht. Damit die Geldmenge und die Preise stabil bleiben. Dieses Geld ist dann weg. Für den Bürger ist es dass sowieso, egal ob es als Steuer eingezogen wird, oder einfach gelöscht wird. Für ihn bleibt es gleich. Neues Geld kommt wieder über neue Investitionen des Staates in Umlauf. So ist immer Geld für Bildung, Kultur, Infrastrukturen usw. da. Ich gebe zu, das klingt verrückt. Aber eigentlich auch nicht verrückter, als die nicht mehr zu überblickenden Finanzmärkte im Moment sind. Je mehr ich darüber nachdenke, meine ich das wirklich nur als Witz?

Endlich wieder “Vergessene Klassiker”

Nach langer Zeit habe ich wieder etwas bei "Vergessene Klassiker" veröffentlicht. Es ist der erste Roman in dieser Reihe. "O.Z.", ein frühes Werk von Hans Christian Andersen. Wer noch nichts für Weihnachten hat, hier zwei Links:

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Gedanken bei den Proben am Nathan (Teil 2)

Erst wenn der Muzzesin beim Klang der kirchlichen Glocke, der Jude beim Gesang des Muzessin und der Christ beim Anblick der Betenden an der Klagemauer Heimat empfindet, kann es Frieden in Jerusalem geben.

Während der Probe am Nathan denkt man zum Beispiel:

“Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?” (Lessing)
Man sollte im politischen Diskurs über Jerusalem mal versuchsweise im Sprachgebrauch die Worte Christ, Moslem oder Jude konsequent durch das Wort Mensch ersetzen, und christlich, jüdisch oder muslimisch durch menschlich. Wäre interessant zu sehen, was dies mit der öffentlichen Diskussion machen würde.

Ist da wirklich ein Visionär gestorben?

Steve Jobs ist tot. Die Welt, vor allem seine Fans, trauern um ihn wie um einen Popstar. Die Presse bezeichnet ihn als Visionär. Visionäre verändern das Bild einer Gesellschaft, wenn sie erfolgreich sind. Zweifelsohne hat die ungeheure Popularität der Apple Produkte unseren Alltag verändert, zumindest den seiner Kunden. Aber waren es gesamtgesellschaftlich gesehen wirklich nur die Apple Produkte? Das Internet, das Handy, der Computer an sich haben unseren Alltag verändert. Steve Jobs hat diese bahnbrechenden Erfindungen lediglich in puncto Benutzerfreundlichkeit und Design perfektioniert, entwickelt haben sie andere. Der Computer hätte ohne Apple unseren Alltag wahrscheinlich lediglich weniger chic und benutzerfreundlich durchdrungen.

Und welche Visionen hatte Steve Jobs außerhalb des Marktes? Mit Steve Jobs verliert die Welt einen großartigen Geschäftsmann, keine Frage. Steve Jobs hatte einen untrüglichen Instinkt dafür, wie Computer, Handy und Multimediageräte gestaltet sein müssen, damit sie im Alltag auch für den Computerlaien praktikabel, funktional und Spaß bringend sind. Er wusste schon vor dem Kunden, was dieser will, oder welche Bedürfnisse er bei ihm wecken konnte. Bei einer langweiligen Bahnfahrt oder schon in der Bahnhofshalle dachte ich oft, wie nett wäre es jetzt, einige CDs aus meiner Plattensammlung bei mir zu haben. Dann kam der iPod, diese Stereoanlage für die Hosentasche mit genügend Speicherplatz für die gesamte, private Plattensammlung. Gewohnt daheim Informationen schnell aus dem Internet zu beziehen, dachte man auch weg von zu Hause oft, wie toll wäre es, wenn man diese Informationen jetzt abrufen könnte. Und wie ein Heilsbringer winkte Jobs mit dem iPhone. Vielleicht hat er einfach die Produkte geschaffen, die er als Kunde auf dem Markt vermisste. Vielleicht war er deshalb näher beim Kunden, als beispielsweise Bill Gates, der nur seine persönlichen Marktvorteile nutzte und auf den User erst regierte, wenn dieser unzufrieden war. Auch belästigte er den Kunden nicht mit ungewollten aber flächendeckenden Weltverbesserungsgeschenken wie Google mit ihren Google Books oder Google Maps. Steve Jobs blieb überschaubar, weil er einfach nur ein guter Verkäufer war. Mehr wollte man ja nicht von ihm.

Ihn als Visionär zu preisen, zeigt wie unpolitisch, wie ausschließlich auf Produktgestaltung und optimierte Kundenzufriedenheit dieses einst große Wort heute gebraucht wird. Politische oder gesellschaftliche Visionen kamen aus dem Hause Apple nicht. Im Gegenteil. Was den Produktionsweg betrifft, war und ist Apple ein Konzern wie alle anderen auch. So beschäftigt er zum Beispiel Billigarbeiter aus China unter – aus europäischer Sicht – unwürdigen Bedingungen zu kargen Löhnen. Was macht dann aber den Hype um den Visionär Steve Jobs aus, was dieses oft beschworene “Lebensgefühl”?

Aus Sicht des Konsumenten kann ich das sogar nachvollziehen. Das Internet mit dem darin enthaltenen Wissen der Welt und die private Plattensammlung in der Hosentasche mit sich herumzutragen, gibt einem ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit, egal ob man es mit einem iPhone oder einem Konkurrenzprodukt mit sich herumträgt. Ein Bekannter bezeichnete einmal sein iPhone als “gefühlte Fernbedienung für die Welt”. Ich fand diese Beschreibung witzig und nicht unpassend. Ein anderer präsentierte mir einmal voller Stolz seinen “privaten Apple Park”. Vor ihm auf dem Tisch das schicke iBook, mit einem Kabel über eine Dockingstation damit verbunden ein iPod, links daneben das iPad und die gesamte Zeit in seiner rechten Hand das iPhone. Seine Augen glänzten. Alles hochwertige, tolle Produkte – keine Frage – die auch mich begeistern und die sich gegenseitig perfekt ergänzen. Kauft man das eine Produkt, will man schnell auch das andere. Ich frage mich allerdings, ist man dann auch wirklich frei? Die Bindung an die Apple Produkte, das Ausschließen der Konkurrenzprodukte, war stets ein erfolgreiches Marktkonzept dieses Konzerns, ähnlich wie bei Microsoft. Dafür griff man gerne auch etwas tiefer in die Tasche – trotz billiger Arbeitskräfte in China – und liebte diesen Konzern für seine manchmal auch überteuerten Produkte.

Auch datenschutzrechtliche Bedenken hat man nur allzugerne übersehen. Selbst das Goolge-Phone – jetzt heißt es Android Handy – kann man nutzen, ohne dass Google auch nur einen Bit von einem speichert. Man muss lediglich wissen, welche vorinstallierten Apps man nicht benutzt. Will man aber ein iPhone gebrauchen, muss man sich bei Apple registrieren und deren Datenschutzrichtlinien – die nicht alle unproblematisch sind – akzeptieren, sonst kann man das Gerät gleich wieder einpacken. Wer will sich da von so ein paar Datenschutzbedenken die Begeisterung über das neu erworbene Produkt verderben lassen?

Nun wird er überall als Visionär gepriesen. Gesellschaftliche oder politische Visionen hatte er allerdings keine zu bieten, hat ja auch keiner von ihm erwartet. Er war eher ein typisches Produkt unserer markt- und konsumorientierten Welt. Diese bunte Welt der Massenmedien und Computer wurde durch ihn einfacher, bunter und spaßiger. Das ist aber vielleicht auch schon alles, was uns nach seinem Tod fehlen wird. Viele wurden allerdings iPod, iPad, iBook und iPhone zu mehr als reinen Gebrauchsgegenständen. Sie sind für deren Besitzer treue Freunde, die sie überallhin begleiten und auf die sie stets bauen können. Deshalb kommt Jobs Tod vielen dem Tod eines Freundes gleich. Die Welt wird ein wenig langweiliger werden ohne seine Produkte… – Verzeihung – Visionen. That’s all.

Der Papst und die Veränderbarkeit der Werte

Nun ist er wieder fort, der Papst, und war er letzte Woche noch in allen Medien, so ist er mit einem mal für die Presse anscheinend nicht mehr so wichtig.
Habe ich mir das nur eingebildet oder hatte man bei diesem Papstbesuch öfter als sonst Stimmen gehört, die nicht müde wurden zu betonen, dass man auch ohne Papst glücklich sein könne. Die Mehrheit der Menschheit war es ohnehin schon immer.
Überraschungen gab es keine vom Oberhaupt der katholischen Kirche. Deswegen ist der Besuch wohl auch so schnell aus den Medien wieder verschwunden. Die meisten – oder zumindest die “echten” – Katholiken wären aber wahrscheinlich auch enttäuscht gewesen, wenn der Papst allzuviel im eigenen Haus in Frage gestellt hätte. Schließlich ist nicht der Wandel, sondern die Beständigkeit das Wesen des Katholizismus, ja des Christentums allgemein.
Ist dies nicht bei jeder Religion so?
Tatsächlich nicht. Der Buddhismus zum Beispiel, wird nicht müde zu betonen, dass der Wandel das Wesen der Dinge sei. Hier unterscheidet sich generell das asiatische Denken vom europäischen.
Typisch abendländisch ist die Sehnsucht nach einer einzigen Wahrheit, übrigens auch typisch arabisch. Christentum und Islam sind die deutlichsten Manifestationen dieser Sehnsucht. Selbst Goethe postulierte, es gäbe nur eine Wahrheit und ließ seinen Faust geradezu besessen nach dem einen suchen, was die Welt im Innern zusammenhält. Auch Einstein glaubte an eine Weltformel, mit der sich vielleicht sogar die Existenz Gottes erklären ließe. Sowohl die europäische, als auch die arabische Kultur halten die Wissenschaft für einen der höchsten Werte, und beide haben dem wissenschaftlichen Denken Fortschritt und Blütezeiten zu verdanken: die Araber im Mittelalter, die Europäer etwa seit der Neuzeit. Interessant, dass nun just der abendländische Papst das wissenschaftliche Denken als wichtigste, geistige Richtschnur unserer Kultur in Frage stellte.
Einerseits hat er damit nicht ganz Unrecht. Die Wissenschaft kann kausale Zusammenhänge erklären und Gesetzmäßigkeiten beweisen. Unser Fortschritt wäre ohne sie nicht möglich, Fragen nach dem Lebenssinn oder ethische Fragen kann sie aber nicht beantworten. Hier benötigen wir andere Institutionen oder eine gefestigte, reife Persönlichkeit.
Andererseits wurde das wissenschaftliche Denken von der katholischen Kirche stets als Bedrohung empfunden, wenn es katholische Lehren in Frage stellte. So hatte die Kirche Galileo Galilei die Folter angedroht, wenn er nicht zurücknähme, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Da ging es sicher nicht nur um Machtansprüche. Dass die Erde und mit ihr der Mensch nicht im Mittelpunkt der Schöpfung stehen sollte, stellte ein geistiges Fundament des Katholizismus in Frage. Wer Geborgenheit und Sicherheit in diesem Weltbild sucht, für den geht es ans Eingemachte, wenn dieses Weltbild zu schwanken beginnt. Aber irgendwann konnte die Kirche diese Wahrheit nicht mehr leugnen und ist doch nicht untergegangen.
Im Moment sehe ich in der Haltung der Kirche zur Homosexualität ein ähnliches Problem. Nach katholischer Vorstellung ist die Homosexualität Sünde, weil die Kirche dem Homosexuellen eine bewusste, freie Entscheidung zur Homosexualität unterstellt. Sie gesteht dem Homosexuellen fast entschuldigend Charakterschwäche zu, und dass es ihm deshalb schwer fällt, der sündigen Versuchung zu widerstehen, aber sie unterstellt ihm einen bewussten Fehltritt, der einzig mit Willensstärke zu korrigieren sei.
Neueste Ergebnisse der Hirnforschung zeigen aber, das Homosexuelle die Gehirnstruktur des jeweils anderen Geschlechts haben. Homosexuelle Männer besitzen ein “weibliches” Gehirn, und homosexuelle Frauen ein “männliches”. Wo im Gehirn festgeschrieben ist, welches Geschlecht man sexuell anziehend findet, ist noch nicht bis ins letzte entschlüsselt, aber es liegt doch ziemlich nahe, dass im weiblichen Gehirn die Begierde nach Männern und umgekehrt festgeschrieben ist. Für einen Mann mit einem weiblichen Gehirn und einer Frau mit einem männlichen Gehirn ist die Anziehung zum körperlich eigenen Geschlecht also aller Wahrscheinlichkeit nach weitaus mehr als Charakterschwäche. Ein heterosexueller Mensch müsste sonst ja auch die Neigung zum eigenen Geschlecht verspüren, diese aber problemlos unterdrücken können.
Wer die Biographien vieler Homosexueller mit auch nur einem Hauch von Mitgefühl und vorurteilsfrei vergleicht, muss ohnehin zu dem Schluss kommen, dass die Erklärung einer Charakterschwäche viel zu kurz greift, denn die Brüche in deren Leben mit all dem damit verbundenen Leid sind selten mit sündhaften Launen zu erklären. Die katholische Kirche wird dies eines Tages akzeptieren müssen, so wie sie akzeptieren musste, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und sie wird auch daran nicht untergehen.
Eine Figur aus meinem Theaterstück Borgia Borgia ist der Kardinal Savonarola, der vor seinem sündhaften, homosexuellen Begehren ins Zölibat flüchten wollte, aber nun doch wegen seines Begehrens in die Hölle muss. Er klagt an deren Pforte dem Teufel:

Lass mich hier stehen. (…) Ich bin bereits in der Hölle. Wo soll ich denn noch hin? Der Vater will mich nicht so, wie er mich geschaffen hat. (…) Was willst du mir noch antun? Das ist bereits die Hölle.

Sieht so die höhere Gerechtigkeit Gottes aus?
Würde die Kirche anerkennen, dass auch unser Wissen dem Wandel unterworfen ist, müsste sie anerkennen, dass Hirnforscher (fast schon) belegen können, dass die Homosexualität in der angeborenen Gehirnstruktur eines Menschen festgelegt ist. Damit wäre sie nicht dem freien Willen unterworfen und könnte somit kein bewusstes, sündhaftes Vergehen sein. Warum Theologen nicht genügend Demut aufbringen können zuzugeben, dass sie sich – wie schon öfters – geirrt haben – wo doch Gott allein allwissend ist – ist schwer verständlich. Hätte der Papst recht, und die Wissenschaft auch, dann wäre Gottes Gerechtigkeit ungefähr so, wie ich sie in Borgia Borgia beschrieben habe. Einer von beiden muss Unrecht haben. Die Kirche hatte schon einmal Unrecht und es hat ihr nicht nachhaltig geschadet im Nachhinein. Schaden tut ihr vielmehr die Verdrängung gegebener Realitäten. Wenn sie sich in veralteten, haltlosen Weltbildern einigelt, wird sie rapide nur noch Geschichte sein.

Ein Stück über Troy Davis?

Über mein Stück "Gnadenstoß" hat man mir gesagt, für dieses Thema (Todesstrafe in den USA) sei am deutschen Theater kein Interesse vorhanden. Der Fall Troy Davis, der in den letzten Wochen durch die Presse geisterte, scheint dies ein wenig zu relativieren. Vielleicht weniger der Fall selbst, als vielmehr die für viele etwas erschreckende Erkenntnis, dass ausgerechnet die Lichtgestalt Obama sich als Befürworter der Todesstrafe offenbart. Auf's Neue zeigt sich, wie unterschiedlich doch das Denken diesseits und jenseits des Atlantiks ist.
Ich hatte die Hoffnung auf eine Uraufführung meines Stücks fast aufgegeben. Die jüngsten Nachrichten wecken aber aufs Neue mein Bedürfnis, an diesem Thema zu arbeiten.
Ein Detail in den Nachrichten hat mich besonders beschäftigt: Die Aufnahmen der Angehörigen des Mordopfers, die vor der Weltpresse weinend die Exekution des Verurteilten fordern, als hänge ihr Seelenfrieden allein von dieser Vergeltung ab. Diese Szene hätte in ihrer Melodramatik aus einem Hollywood-Film stammen können. Dabei ist nicht einmal klar, ob Troy Davis wirklich der Täter war. Vielleicht sollte nur irgendjemand sterben, um ein klitzekleines Gefühl von Entschädigung zu erhaschen, wo nichts eine Entschädigung bieten kann? Wird es dieser Familie nach der Hinrichtung wirklich besser gehen? Und inwieweit wurde das Leid dieser Familie von der konservativen Regierung für deren Publicity benutzt? Alles Fragen, über die man ein zweites Stück schreiben könnte.
Es wäre interessant, das Thema Todesstrafe aus dieser Sichtweise anzugehen. Ein Stück über die Angehörigen des Opfers. Bislang richten ja alle Stücke und Filme über dieses Thema – einschließlich mein “Gnadenstoß” – ihren Fokus auf den Deliquenten, auf das Leid des Täters. Hilft die Todesstrafe aber tatsächlich den Angehörigen des Opfers? Oder konnte der Wunsch nach Vergeltung die Trauer über den ungerechten Verlust nur so lange übertünchen, bis die Hinrichtung vollzogen ist? Bricht sich dann die unverarbeitete Trauer Bahn? Es ist bekannt, dass es manchen Angehörigen von Mordopfern nach der Exekution des Täters noch schlechter ging als vorher, denn wie sagt Stone in meinem Stück: “Für die Ermordung eines schuldigen Menschen zu sein ist leicht, aber die Ermordung eines Menschen zu sehen (…), das ist etwas ganz anderes.”
Aber ein zweites Stück über die Todesstrafe schreiben, wo schon das erste so schwer auf die Bühne zu bringen ist?
Interessant ist, dass in der letzten Zeit wieder Anfragen für das Stück kamen. Der Fall hat das Thema doch wieder aktuell gemacht. Das freut mich sehr, denn auch wenn ich über ein zweites Stück nachdenke, so heißt dies nicht, dass ich zu dem ersten nicht mehr stehe. Im Gegenteil, das häufige positive Feedback und die Nominierung für den 1. Stückepreis des Sandkorntheaters Karlsruhe 2007 sprechen für das Stück. Vielleicht könnte ein zweites Stück ja am ersten Anknüpfen, und die Geschichte aus der Perspektive der Angehörigen des Mordopfers noch einmal erzählt werden…
Leider hat man nicht unendlich viel Zeit, und ich habe ja schon andere Projekte am Laufen. Aber es wäre doch zu schade diese Idee fallen zu lassen.

Und die Theater der Schweiz auch noch erfasst!

So, die deutschsprachigen Theater der Schweiz sind nun auch noch in meiner Theatersuchmaschine erfasst. Damit verfügt der Suchradius der Theatersuchmaschine schon mal über eine Größe, mit der es leicht sein müsste zu erfahren, wo frühere Kollegen gerade aktiv sind, oder was wo gerade gespielt wird. Ich habe auch noch ein paar Theaterinformationsseiten – u.a. auch Theaterblogs – hinzugefügt.

Wer übrigens möchte, dass die Inhalte seines Blogs auch unter der Rubrik "Theaternews/Blogs" auf meiner Seite angezeigt werden, der soll mir bitte nur eine kurze Mail mit der Webadresse oder dem Namen seines Blogs bei Theaterblogs zusenden.

Ich hoffe die Theatersuchmaschine kann euch nützliche Dienste erweisen und vieleicht auch einfach nur Spaß machen. Über Feedback und Anregungen freue ich mich immer.